Deutsches Wörterbuch
von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm
Neubearbeitung
5
Gründe für die Neubearbeitung

Bereits im Dezember 1861, nach 12 Jahren Artikelarbeit für das Deutsche Wörterbuch, schreibt Jacob Grimm an den Germanisten Karl Weigand, - ihm verdankt er zahlreiche Belegzettel mit Textauszügen als Arbeitsmaterial:

Ihre reinen, genauen auszüge brauche ich treulich [...]; einige zu spät eingetroffene zettel konnten nicht mehr eingeschaltet werden. Wenn Sie überhaupt mein quartexemplar des abdrucks einmal ansehen sollten, wie alles von nachträgen wimmelt! ihrer natur nach können bücher dieser art erst gut werden bei zweiter auflage [...].¹

In seiner ersten Bearbeitung erschließt das Deutsche Wörterbuch den deutschen Wortschatz zwar in bis dahin ungekannter Breite und historischer Tiefe. Doch bei Abschluß der Ausgabe im Jahre 1961 sind die von den Brüdern Grimm selbst erarbeiteten Teile des Deutschen Wörterbuchs von A bis zum Stichwort Frucht etwa hundert Jahre alt. Den inhaltlichen wie formalen Ansprüchen an ein historisches Wörterbuch und gewandelten Benutzungsbedürfnissen können sie schon seit langem nicht mehr genügen. Aufgrund einer schmalen und unausgewogenen Material- und Quellengrundlage enthalten viele ihrer Artikel wenige oder gar keine historischen Textbelege.

Daneben bieten auch Eigenwilligkeiten der Stichwortaufnahme, fehlende Bedeutungsdifferenzierungen bzw. Artikelgliederungen, Uneinheitlichkeiten im Artikelaufbau und ein bisweilen sehr persönlicher Erzählstil Grund zur Überarbeitung. Hinzu kommen eine unbefriedigende Behandlung der Fremdwörter sowie Unrichtigkeiten und Mängel, die auf den Kenntnisstand der Zeit oder noch fehlende sprachwissenschaftliche Hilfsmittel zurückgehen. Schließlich sind infolge des zunehmenden zeitlichen Abstandes der Bearbeitung zur Gegenwart der Benutzer große Lücken im dargestellten Wortschatz oder bei den ermittelten Gebrauchsmöglichkeiten der Wörter zu verzeichnen, die den Nutzen der älteren Bände einschränken.

Beschluß der Neubearbeitung und Beginn der Arbeiten in Berlin und Göttingen

Um das Deutsche Wörterbuch weiterhin als wissenschaftliches Grundlagenwerk zu erhalten, wird 1957 eine Neubearbeitung zunächst für die von Jacob und Wilhelm Grimm selbst geschriebenen und am stärksten veralteten Teile von A bis F beschlossen. Die Arbeiten sollten unmittelbar nach Beendigung der ersten Ausgabe beginnen und nach dem Muster der zuletzt erschienenen Bände, jedoch bei verkürzter und verdichteter Darstellung geschehen.

Auf einer von der Berliner Akademie veranstalteten, internationalen Konferenz anläßlich des hundertsten Todestages von Jacob Grimm wird 1963 ein Heft mit Probeartikeln für die geplante Neubearbeitung vorgelegt und diskutiert. Die Bearbeitung der Stichwortstrecke von A bis C wird danach der Berliner Arbeitsstelle übertragen, diejenige von D bis F der Göttinger Arbeitsstelle.Die Belegsammlungen für ein neues, umfassendes und ausgewogenes Wortarchiv, die in den frühen 50er Jahren begannen, schränkt man bald auf diese Wortstrecken ein.
Die erste Lieferung des neuen Werkes A - Abenteuer erscheint 1965, die erste des D-Bandes von D - Dämmerung 1970.
Die beiden Arbeitsstellen gehören heute der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen bzw. der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin an.

Gegenstand, Zweck und Inhalt des Wörterbuchs

Lapidar heißt es am Anfang des Vorwortes zu Band 1 der Neubearbeitung:

Ausgehend von den Grundvorstellungen der Brüder Grimm und im inneren Anschluß an die zuletzt erschienenen Bände des Wörterbuchs verzeichnet die Neubearbeitung den hochdeutschen schriftsprachlichen Wortbestand von der Mitte des 15. Jahrhunderts [...] bis zur Gegenwart in allen sprachüblichen Erscheinungen möglichst vollständig [...].²

Gegenstand der Darstellung ist also der in der Schriftsprache gebräuchliche hochdeutsche Wortschatz etwa vom Beginn des Buchdrucks bis zur jeweiligen Gegenwart der Bearbeitung. Dies schließt Wörter fremdsprachiger Herkunft ebenso ein wie fach- oder sondersprachliche Wörter oder Bedeutungen, soweit sie im allgemeinen Sprachgebrauch mehr oder weniger verbreitet waren oder noch sind. In erster Linie ist das Deutsche Wörterbuch ein historisches Bedeutungswörterbuch: Herausbildung und Veränderung der Wortbedeutungen von der frühesten bis zur jüngsten Bezeugung werden analysiert, in chronologisch-systematischer Ordnung dokumentiert, erläutert und anhand von ausgewählten Zitaten aus den historischen Quellentexten anschaulich belegt. Daneben gibt das Wörterbuch Herkunft und Verwandtschaft, d. h. die Etymologie, sowie die neuhochdeutschen und vorneuhochdeutschen Formen der Wörter an, und es beschreibt ihre regionale Verbreitung und ihre sonstige Verwendungstypik.

Mit dieser Konzeption ist das Wörterbuch nicht nur zum Gebrauch durch Sprachwissenschaftler und als Grundlage für die Erarbeitung anderer Wörterbücher bestimmt, sondern darüber hinaus an einen weiten Kreis von Benutzern in philologischen und historischen Disziplinen gerichtet.
Der annotierte Wörterbuchartikel Ast auf Tafel 7 läßt erkennen, welche Informationen man der Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs entnehmen kann. Er zeigt zwar nicht alle möglichen Besonderheiten des Inhaltes und der Darstellung, wohl aber den grundsätzlichen Aufbau und viele Strukturelemente.


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Anmerkung Wilhelm Grimms im
Handexemplar des ersten Bandes



Erstbearbeitung:
Beispiele der Mängel und Kuriosa


Die Berliner Konferenz zur Neubearbeitung
1963


Akademiegebäude am Gendarmenmarkt,
Sitz der Berliner Arbeitsstelle


Titelblatt des ersten Bandes
der Neubearbeitung


Neubearbeitung:
Ausschnitt aus dem Artikel ansprächig


Tafel 7: Ast in der Neubearbeitung
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1 Grimm an Weigand, 21.12.1861. In: Briefe der Brüder Grimm an hessische Freunde. Gesammelt von E. Stengel (Private und amtliche Beziehungen der Brüder Grimm zu Hessen. Bd. 1). Marburg 1886. Nr. 187, S. 377 f.
2 Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Neubearbeitung. Herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften der DDR in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. 1. Band, A - AFFRIKATA. Leipzig 1983. Zur Anlage der Neubearbeitung. S. 3*.



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