Deutsches Wörterbuch
von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm
Erstbearbeitung
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Das DWB als "Ehrenpflicht der Akademie" (1908-1960)

Auf der Philologenversammlung vom Oktober 1905 in Hamburg hält Friedrich Kluge ein Plädoyer für das allgemein als Sorgenkind empfundene DWB und fordert die Einrichtung einer zentralen Belegsammlung sowie eine Oberleitung des Projekts. Kann es einen Zweifel über den Träger geben?

Nachdem einmal Leibniz und vor allem auch König Friedrich I. den Plan eines großen deutschen Wörterbuchs als eine der ersten Aufgaben der Akademie hingestellt hatten [...], kann man ja wohl von dieser Körperschaft die Förderung des Dwb. erwarten, das eines ihrer hervorragendsten Mitglieder begründet hat.¹

Dies sind deutlich ins Gewissen geredete Worte, denn die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin hat sich bisher gegenüber dieser schon häufiger erhobenen Forderung zögerlich verhalten. Erst nach Heynes unerwartetem Tod am 1.3.1906 scheint man auch hier Handlungsbedarf zu sehen. In der großen DWB-Konferenz am 5.1.1907 fällt dann die Entscheidung: die Deutsche Kommission (als Teil der geisteswissenschaftlichen Klasse) übernimmt ab dem 1. Juli 1908 "als eine Ehrenpflicht der Akademie"² die Leitung des Wörterbuchs. Gustav Roethe fällt die Aufgabe zu, die Arbeitsweise beim DWB zu rationalisieren und zu beschleunigen, während Edward Schröder in Göttingen - zur Entlastung der Artikelschreiber - eine Zentralsammelstelle für Belegzettel einrichten soll. Der Aufbau der Sammelstelle in Göttingen vollzieht sich zügig. Zu den selbständigen Mitarbeitern treten jetzt auch direkt vom Reich besoldete, sogenannte unselbständige Mitarbeiter als Assistenten.

Diese Zeit der Reformen und der Konsolidierung des DWB beendet der Erste Weltkrieg, und zu Beginn der 20er Jahre steht das Projekt sogar vor dem Aus, als die Inflation die Korrekturkosten für eine Lieferung auf die Höhe von 5 Milliarden Mark treibt. Eine Spende aus den USA über 152 Dollar bewahrt im Krisenjahr 1923 das DWB vor dem Ruin. Einen Teil der Finanzierung übernimmt jetzt die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft (aus der später die Deutsche Forschungsgemeinschaft hervorgeht). In diesen schwierigen Jahren setzt sich wiederholt Max Planck für das DWB ein. Die Erfolge der Roethe-Schröderschen Reform bleiben jedoch nicht nur wegen dieser äußeren, zeitgeschichtlichen Misere hinter den Erwartungen zurück, sondern auch wegen eines inneren Mißstands: die nach vielen Seiten verteilte Arbeit wird naturgemäß uneinheitlich und unregelmäßig erledigt.

Die Konsequenz kann nur in der Einrichtung einer Arbeitsstelle liegen, wie sie dann auch im Januar 1930 in einer Sitzung der Preußischen Akademie der Wissenschaften beschlossen wird, so daß bereits 1932 das DWB in ein zur Universität gehörendes Gebäude in Berlin 'einziehen' kann. Zwei Jahre später wird auch die Sammelstelle von Göttingen in die Berliner Arbeitsstelle verlegt, so daß nun eine Konzentrierung aller Arbeitsabläufe möglich wird. Unter dem Leiter Arthur Hübner, der schon seit 1910 am DWB mitarbeitet, kommt es jetzt zu einer durchgreifenden Reformierung des Projekts. Durch die Effizienz festeingestellter Lexikographen, die an Ort und Stelle unter Hübners Leitung und auf Richtlinien verpflichtet arbeiten, können in den Jahren 1931-1939 nicht weniger als 68 Lieferungen erscheinen (1926-1930 gab es nur elf Lieferungen). Fast 100 Jahre nach seiner Planung durch die Verleger und die Brüder Grimm ist das DWB nun endgültig institutionalisiert - und auf dem besten Weg zum Abschluß.

Aber der Zweite Weltkrieg bringt wie andernorts auch hier die Arbeit, wenn nicht zum Erliegen, so doch zum Erlahmen: Mitarbeiter werden zum Militärdienst eingezogen, Arbeitsmaterialien sind knapp, und schließlich müssen gegen Kriegsende die Archivbestände sowie die Bibliothek in ein Kalibergwerk bei Bernburg a. d. Saale ausgelagert werden. Die reduzierte Arbeitsstelle zieht von Berlin in das Schloß von Fredersdorf. Auf Initiative der drei Mitarbeiter Theodor Kochs, Hermann Kunisch und Hans Neumann erklärt sich 1946 die Göttinger Akademie angesichts der ungewissen Berliner Situation bereit, eine Zweigstelle für das DWB einzurichten, allerdings liege es ihr "völlig fern, unter Ausnutzung einer Notlage wissenschaftliche Unternehmungen der Berliner Akademie sich einzugliedern".³

Nachdem mit Erlaubnis der UdSSR die Materialien aus Fredersdorf und Bernburg zwischen Juli und Oktober 1947 nach Berlin zurücktransportiert worden sind, nimmt auch die Berliner Akademie ihre Arbeit am DWB, jetzt unter der akademischen Leitung von Theodor Frings, wieder auf. Zuvor hat die Deutsche Kommission erneut verlauten lassen, die Fertigstellung des DWB werde "in jeder Zeitlage als eine Ehrenpflicht der deutschen Wissenschaft erscheinen."4

Mit der Gründung der DDR am 7.10.1949 wird zwar eine Grenze zwischen Berlin und Göttingen gezogen, doch das DWB wahrt seinen stets besonderen Charakter, indem es nun zu einem der wenigen gesamtdeutschen Projekte der Geisteswissenschaften avanciert. Ungeachtet aller politischen Komplikationen kann im Januar 1961 die 380. und letzte Lieferung des DWB (Widrig bis Wiking) erscheinen. Zehn Jahre später folgt noch als 33. Band ein etwa 25.000 Einträge umfassendes Quellenverzeichnis und schließt das DWB - vorläufig - ab.


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Friedrich Kluge (1856-1926)


Edward Schröder (1858-1942)


Staatsbibliothek mit Akademie (rechter Flügel),
Unter den Linden, Aufnahme aus den 30er Jahren


Arthur Hübner (1885-1937)


Arbeitsstelle, Universitätsstr. 3b


Rückkehr ausgelagerter Akademiebestände




Imprimatur für die letzte Lieferung
durch Bernhard Beckmann,
10.1.1961

1 Friedrich Kluge: Das Grimm'sche Wörterbuch. In: Zeitschrift für Deutsche Wortforschung (1905/06). S. 341-347. Hier S. 343.
2 Sitzungsbericht der Deutschen Kommission vom Januar 1909.
3 Akademiebericht (Best. Akl, Nr. 144, Jan. 1946). Zitiert nach Karl Stackmann: Das Deutsche Wörterbuch als Akademieunternehmen. In: Rudolf Smend u. Hans-Heinrich Voigt (Hgg.): Die Wissenschaften in der Akademie. Göttingen 2002. S. 247-319. Hier S. 299.
4 Akademiebericht (Best. Akl, Nr. 660, undatiert). Zitiert nach Stackmann, S. 303.



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