Deutsches Wörterbuch
von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm
Erstbearbeitung
3
Nach der Ära Grimm (1863-1907)

Der weitsichtige Verleger Hirzel hat - um das Wörterbuch nach dem Tode Jacobs bruchlos fortführen zu können - einen engen Kontakt zu zwei, seit langem mit dem DWB verbundenen Mitarbeitern gehalten, die er nun mit dieser Aufgabe betraut: Rudolf Hildebrand, der als Korrektor das DWB von Grund auf kennt und über den Jacob Grimm im Todesjahr geurteilt hat, "dasz er sich dermaleinst zum fortsetzer und verfasser des wb. vorzüglich eigne"¹, und Karl Weigand, selber Verfasser von Wörterbüchern. Hildebrand schreibt weiter am K (das er auf Wunsch Hirzels noch zu Jacobs Lebzeiten mehr oder weniger hinter dessen Rücken begonnen hat), und Weigand setzt sogleich ein bei Jacobs letztem Artikel Frucht, den er an der Stelle, wo er abbricht, mit einer pietätvollen Anmerkung versieht:

Mit diesem worte sollte Jacob Grimm seine feder von dem werke leider für immer niederlegen. das übrige bis zu ende des so weit geführten buchstabens ist meine arbeit. (¹DWB 4,1,1, Sp. 259)

Da beide Mitarbeiter hauptberuflich im Schuldienst stehen, zeigt sich bald die Notwendigkeit, sie für die Wörterbucharbeit zu entlasten, was bedeutet: sie zu Professoren zu ernennen. Damit aber wird das DWB nun auch zur Staatssache. Fördermittel für weitere Mitarbeiter soll - auf Antrag der germanistischen Sektion der Philologenversammlung (Halle 1867) - der Norddeutsche Bund beisteuern. Bismarck leitet das Gesuch an den Bundesrat weiter, ein Kanzlerwort beifügend, wie es spätere Kanzler nur noch selten für geisteswissenschaftliche Projekte aufbringen werden:

Das Grimmsche deutsche Wörterbuch ist unzweifelhaft ein großes nationales Werk deutschen Gelehrtenfleißes, und es würde aufs tiefste zu beklagen sein, wenn dasselbe unvollendet bleiben müßte.²

Das Projekt wird im Mai 1869 vom Bundesrat bewilligt und bis 1878 aus regulären Staatsmitteln, danach aus dem kaiserlichen Dispositionsfonds finanziert. Noch vor der Bewilligung tritt der junge Germanist Moriz Heyne 1867 als Artikelschreiber an die Seite von Hildebrand und Weigand (der schon 1872 ausscheidet) und wird einer der wichtigsten Mitarbeiter in der Geschichte des DWB.

Nachteilig wirkt es sich nun aus, daß Jacob und Wilhelm Grimm nur sehr wenige Richtlinien zur Abfassung der Artikel festgelegt haben, denn in den folgenden Jahrzehnten bekunden die wechselnden Autoren je andere Auffassungen von ihrer Arbeit. Der wegen seiner außerordentlichen sprachwissenschaftlichen Befähigung mit Recht hochgeschätzte, aber sehr kritikempfindliche Hildebrand verfaßt Artikel, die nicht selten zu Monographien anwachsen (vgl. z. B. Geist, Genie), und kommt nur langsam voran. Gustav Freytag bemerkt dazu sarkastisch in einem Brief vom 25.12.1884 an Heinrich Hirzel (der inzwischen den Verlag von seinem Vater Salomon übernommen hat):

Hildebrand wird immer erstaunlicher, er wird wohl noch 10 Hefte brauchen, um zu Gott zu kommen, dann Gott 2 Hefte und Gurke ein halbes [...]³

Auch Hildebrands Stichwortansatz regionaler und mundartlicher Wörter übertrifft bei weitem das Maß, das in einem allgemeinsprachlichen Wörterbuch zu erwarten wäre. Reihen wie knötschen, Knottel, Knöttel, knotzen, knuck, Knüder, Knüelein, knüffe mögen das Problem veranschaulichen. Weigand verläuft sich - bei aller Sachkundigkeit - bisweilen in der orthographischen Varianz und gibt unnötige Mehrfachansätze eines Wortes (Fül, Füle, Füll, Fülle, Füllen, Fülche, Füllein, Füllelein, Füllchen: alle für 'junges Pferd'). Die präzis strukturierten und ausgeführten Artikel von Moriz Heyne sind dagegen wohl die diszipliniertesten dieser Phase. Sein eigenes dreibändiges Wörterbuch (1890/95) ist ein Muster an gestraffter Darstellung.

Diese konzentrierte Darstellungsweise verfolgt Heyne seit 1888 auch mit seiner von ihm so genannten "collectiven arbeit" (¹DWB 8, Vorwort) für das DWB. Heyne lädt aus seinen Seminaren fortgeschrittene Studenten dazu ein, unter seiner Aufsicht Artikel zu verfassen. So kommt es zum ersten Mal in der Geschichte des DWB zu einer Arbeitsgemeinschaft. Aus dieser Gruppe tritt Rudolf Meißner hervor, der nicht weniger als sechs Jahrzehnte (1889-1948) am DWB mitarbeiten wird. Auch Friedrich Ernst Wülcker und Matthias von Lexer gehören zum Kreis Heynes, neben den dann noch Karl von Bahder tritt. Eine dazu antipodische Arbeitsweise nimmt Hermann Wunderlich ein, seit 1895 Nachfolger Hildebrands - und dies offensichtlich auch im Hinblick auf dessen problematisches Erbe: die ausufernden Artikel. Wunderlichs rund 20 Jahre währende Tätigkeit, aus der knapp 3000 Spalten resultieren, umfaßt gerade einmal die Wortstrecke von Gestüme bis Gezwang. Gustav Freytags Befürchtungen sind noch übertroffen worden: Gott und Gurke liegen nach wie vor in weiter Ferne ...

Die Fachkreise sind sich um 1900 einig: beim DWB muß sich etwas ändern, will man das Werk, dessen Qualität und Einzigartigkeit der Anlage unstrittig sind, in absehbarer Zukunft abschließen.


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Rudolf Hildebrand (1824-1894)


Umbruch von 1878


Karl Weigand (1804-1878)


Moriz Heyne (1837-1906)


Druckmanuskript


Hermann Wunderlich (1858-1916)


Druckmanuskript

1 Brief Jacob Grimms an S. Hirzel vom 18.2.1863. Abgedruckt bei Kirkness 1980. S. 259-262. Hier S. 261.
2 Drucksachen zu den Verhandlungen des Bundesrathes des Norddeutschen Bundes. Session 1868. Nr. 14. S. 2.
3 Gustav Freytag: Briefe an Salomon Hirzel und die Seinen. Mit einer Einleitung von A. Dove. [1902]. S. 254.



Die Arbeit bis 1863       Das DWB als "Ehrenpflicht der Akademie" (1908-1960)