Deutsches Wörterbuch
von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm
Erstbearbeitung
2
Die Anfangsphase bis 1854

Das Wörterbuch ist zunächst auf sechs bis sieben Bände berechnet, die nach Ansicht von Jacob und Wilhelm in sechs bis zehn Jahren ausgearbeitet sein können. Die Umstände scheinen günstig zu sein, denn auf Einladung des preußischen Ministers Eichhorn übersiedeln die Brüder im März 1841 nach Berlin, wo sie eine geräumige Wohnung mit zwei Arbeitszimmern bewohnen und als Akademiemitglieder wieder Vorlesungen halten. Doch die Schwierigkeiten beginnen bald. Nicht nur zieht sich die Exzerption länger als erwartet hin, sondern es bleibt auch die erhoffte Hilfe von Fachkollegen aus. Dazu kommen noch die Beschäftigung mit anderen Projekten, Krankheiten und die politische Teilnahme der Grimms an den 1848/49er Unruhen, so daß sich Jacob nicht vor April 1849 an die Ausarbeitung der ersten Artikel begeben kann. Die Brüder haben zuvor beschlossen, daß Jacob mit den Buchstaben A, B und C beginnen und der langsamer arbeitende Wilhelm erst mit dem D einsteigen soll. Das lexikographische Martyrium nimmt seinen Lauf. Der bereits 65jährige, jedoch noch hochbelastbare Jacob schreibt Ende Januar 1850 an Gervinus:

Das übernommene große Wörterbuch drückt mit bleiernem Gewicht [...] wenn ich bei irgend einer Arbeit die Schwierigkeit des Anfangs je fühlte, so ists bei dieser; komme ich erst warm hinein, so wird sich alles erleichtern.¹

Am 1.3.1852 erscheint ein Prospekt, in dem die Weidmannsche Buchhandlung die erste Lieferung (A bis Allverein) ankündigt, die dann am 1. Mai, vierzehn Jahre nach Beginn des Projekts, vorliegt. Der erste Band, acht Lieferungen mit 1824 Spalten (A bis zum oft belächelten Biermolke), ein Quellenverzeichnis und eine ausführliche Vorrede umfassend, wird schon zwei Jahre später, am 13. April 1854, veröffentlicht.

Die Rezeption

Die Aufnahme des Werks übertrifft zunächst die Erwartungen sowohl Jacobs als auch der Verleger. Nicht nur erscheinen zahlreiche wohlwollende bis hymnische Rezensionen, die von einem großen Nationalwerk sprechen, sondern es werden auch 10.000 Exemplare der ersten Lieferung verkauft (ab der zweiten Lieferung werden es nur noch 5000 sein). Leider hält die Freude über diesen Erfolg nicht lange an. Von katholischer Seite laufen Beschwerden über die protestantische Tendenz des DWB ein (anläßlich des Artikels Ablaß), die lobenden Rezensionen erweisen sich bei näherer Betrachtung als sehr allgemein bis nichtssagend, und die zwei sprachwissenschaftlich argumentierenden Kritiken stellen sich dar als - Verrisse. Die (voneinander unabhängigen) Verfasser sind Daniel Sanders und Christian Friedrich Ludwig Wurm, beide wenig später mit eigenen Wörterbüchern hervortretend. Sie wiederholen nicht nur die auch andernorts geäußerte Beanstandung der Formalia (Kleinschreibung, ungewohnte Orthographie, Satz in Antiqua, lateinische Worterklärungen), sondern stellen das Werk insgesamt als verfehlt, ja als dilettantisch hin. Manches Detail dieser Untersuchungen ist sicher bedenkenswert, wird aber durch den höhnischen Ton ungenießbar. Der tiefgekränkte Jacob enthält sich nicht eines Kommentars; eine berühmt gewordene Stelle in der Vorrede zum ersten Band lautet:

Zwei spinnen sind auf die kräuter dieses wortgartens gekrochen und haben ihr gift ausgelassen. (Sp. LXVIII)
Der Fortgang der Arbeit bis zu Jacobs Tod (1863)

Mit unermüdlichem Fleiß verfaßt Jacob weiterhin Lieferung auf Lieferung des DWB. Mittlerweile hat sich auch Wilhelm für den Buchstaben D vorbereitet und sendet am 16.3.1855 die ersten Manuskriptseiten an Hirzel, der nach dem Ausscheiden Reimers nun den Verlag allein führt. Und Hirzel ist beunruhigt: nicht nur weicht Wilhelms Artikeleinrichtung in manchen Einzelheiten von der Jacobs ab, sondern die Manuskripte laufen nun sehr viel langsamer ein als bisher gewohnt. Immer wieder drängt Hirzel die Brüder zum raschen Voranschreiten. So überredet er schließlich den erschöpften Jacob, der sich nach dem Buchstaben C eine 'Auszeit' gönnen wollte, bereits parallel zu Wilhelms Arbeit am D mit dem E zu beginnen. Die Brüder arbeiten deshalb seit Mitte 1858 nebeneinander in ihren Arbeitszimmern am Wörterbuch, ohne sich jedoch - dies eine Verabredung unter ihnen - über ihre Artikel auszutauschen.

Glücklicher wäre ich, wenn ich das wörterbuch mit Wilhelm in größerer einstimmung und vertraulichkeit schaffen könnte, aber seltsam, so lieb wir uns haben und stets in völliger gemeinschaft leben, vereinsamen wir im studieren und bücherschreiben, was gerade dem wörterbuch schadet [...].²

Wilhelm hat gerade das D abgeschlossen, als er am 16.12.1859 stirbt. Nun liegt die Arbeit allein auf den Schultern des durch Alter und Krankheit nicht mehr robusten Jacob, der es aber von sich weist, einen Assistenten heranzuziehen, der als eingearbeiteter Schüler das DWB fortführen könnte. Denn daß die Arbeit am Wörterbuch über seine Lebenszeit hinausgehen wird, weiß Jacob längst - und der besorgte Verleger ebenfalls. Mit immer wieder von Hirzel mobilisierten Kräften beendet Jacob den Buchstaben E und arbeitet noch weit in das F hinein. Über dem Artikel Frucht stirbt Jacob Grimm am 20.9.1863.


zum Vergrößern anklicken


Jacob Grimms Artikel A


Der Jubiläumsband, erschienen 1854


Der Verleger
Salomon Hirzel (1804-1877)


Daniel Sanders (1819-1897)


Wilhelm Grimms Artikel Dame


Jacob Grimms Artikel Ast
(pdf, 1 MB, öffnet ein neues Fenster)


Jacob Grimms letzte Artikel

1 Briefwechsel zwischen Jacob und Wilhelm Grimm, Dahlmann und Gervinus. Hg. von Eduard Ippel. Bd. 2. Berlin 1886. S. 99.
2 Briefe aus dem Nachlaß Wilhelm Wackernagels. Hg. von Albert Leitzmann. In: Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Phil.-hist. Klasse 34 (1921). Nr. 1. S. 1-175. Hier S. 31.



Die Vorgeschichte des "Deutschen Wörterbuchs"       Nach der Ära Grimm