Deutsches Wörterbuch
von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm
Erstbearbeitung
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Die Vorgeschichte des "Deutschen Wörterbuchs" (DWB)

Seit 1830 ist der Verleger Karl Reimer - mit Salomon Hirzel zusammen Inhaber der Weidmannschen Buchhandlung in Leipzig - wiederholt an die Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm mit dem Vorschlag herangetreten, ein großes neuhochdeutsches Wörterbuch herauszugeben, das den Wortschatz von Luther bis Goethe verzeichnen soll. In andere Projekte eingebunden und als Universitätsprofessoren in Göttingen vielseitig beschäftigt, haben die Brüder dieses aufwendige Unternehmen jedoch stets abgelehnt. Ein politischer Skandal verändert die Situation schlagartig. Denn als die Brüder und fünf weitere Göttinger Professoren am 18.11.1837 in einer Protestschrift den Diensteid auf die Verfassung von 1833 bekräftigen, die der neue König von Hannover, Ernst August II., als zu liberal aufgehoben hat, verlieren die sogenannten "Göttinger Sieben" auf königliche Anordnung schon einen Monat später wegen angeblicher staatsgefährdender Gesinnung ihre Ämter. Jacob Grimm muß zudem das Königreich Hannover verlassen und kehrt als politischer Flüchtling nach Kassel zurück, dem früheren Wohnsitz der Brüder. Diese politische Aktion, begleitet von großer nationaler und internationaler Solidarität, macht Jacob und Wilhelm Grimm endgültig zu den berühmtesten Deutschen der Zeit - und zu Arbeitslosen.

Die Planung und Konzeption des DWB

In diesem Moment tritt erneut Karl Reimer auf den Plan, um sein Lieblingsprojekt des Wörterbuchs doch noch zu realisieren. Verbündet mit dem Altphilologen Moriz Haupt, wendet er sich am 3.3.1838 brieflich an Wilhelm mit der Bitte, seinen Vorschlag erneut zu überdenken und auch Jacob zu überzeugen. Wieder zögern die Brüder vor der unabsehbaren Größe des Unternehmens, stimmen dann - nach einem Besuch von Reimer und Haupt Anfang April - aber schließlich zu, da ihnen das Wörterbuch nicht nur ein Auskommen, sondern auch eine unabhängige wissenschaftliche Arbeit für die Nation zu ermöglichen scheint, die der Staatsdienst nach ihren Göttinger Erfahrungen nicht mehr garantiert. In der anschließenden Korrespondenz mit Reimer ist der mit kaufmännischem Sinn begabte Wilhelm darauf bedacht, die nach seiner Meinung ungünstigen Vertragsvorschläge zu verbessern. Im Oktober 1838 kommt es dann zu einem Vorvertrag mit der Weidmannschen Buchhandlung, der eigentliche Kontrakt soll erst nach Abschluß der Vorarbeiten ausgehandelt werden.

Zuvor ist am 29.8.1838 in der Leipziger "Allgemeinen Zeitung" die Ankündigung des DWB erschienen, in der es heißt, das neue Wörterbuch solle

von Luther bis auf Goethe den unendlichen Reichthum unserer vaterländischen Sprache, den noch niemand übersehen und ermessen hat, in sich begreifen. Alle edeln Schriftsteller sollen vollständig eingetragen, die übrigen ausgezogen werden. [...] Was in den meisten übrigen Ländern lange schon mit großem Aufwande von Mitteln unter dem reichen Schutze königlicher Akademien zu Stande gekommen ist, versuchen in Deutschland unbegünstigte Privatgelehrte unter der bloßen Beihülfe befreundeter Mitarbeiter.¹

Von Beginn an steht fest, daß das DWB ein diachrones, d. h. ein historisches Wörterbuch sein soll, das nicht wie die unmittelbaren Vorgänger Adelung und Campe normativ auf die Gegenwartssprache bezogen bleibt. Wenn Wilhelm die Aufgabe des Lexikographen darin sieht, "eine Naturgeschichte der einzelnen Wörter"² aufzuschreiben, dann artikuliert sich hier ein Entwicklungsdenken, das insgesamt charakteristisch für die Epoche der Romantik ist, bisher aber die Lexikographie noch nicht erreicht hat. Der historische Ansatz zeigt sich vor allem in der Ausarbeitung von Etymologien, zu der es noch wenig zuverlässige Vorarbeiten gibt, und in der Wortbelegung, die sich über vier Jahrhunderte erstrecken soll. Nicht die eigene Sprachkompetenz des Lexikographen und auch nicht die Vorarbeiten älterer Wörterbücher entscheiden über den Gebrauch und vor allem die Bedeutungen eines Wortes, sondern die schriftsprachlichen Zeugnisse, insbesondere der Dichtung, selbst. Während für die Etymologie ("das salz oder die würze der wörter", J. Grimm) die Brüder weitgehend auf ihre eigenen ausgedehnten Sprachforschungen innerhalb des Germanischen sowie des Alt- und Mittelhochdeutschen zurückgreifen können, ist die Arbeit des 'Ausziehens' der wichtigsten deutschsprachigen Texte von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Gegenwart der Wörterbuchautoren von ihnen allein nicht zu leisten. Es werden deshalb in ganz Deutschland 88 Exzerptoren angeworben, die im Lauf der Jahre mehr als 600.000 Belegzettel aus 1270 Bänden abliefern. Jacob und Wilhelm ergänzen diese - zu ihrem Kummer nicht immer brauchbaren - Belege durch umfangreiche eigene Zitatsammlungen.

wie wenn tagelang feine, dichte flocken vom himmel nieder fallen, bald die ganze gegend in unermeszlichem schnee zugedeckt liegt, werde ich von der masse aus allen ecken und ritzen auf mich andringender wörter gleichsam eingeschneit. zuweilen möchte ich mich erheben und alles wieder abschütteln, aber die rechte besinnung bleibt dann nicht aus. (Jacob Grimm, Vorwort ¹DWB 1, S. III)

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1 Dahlmann. 2 Ewald. 3 Albrecht.
4 Gervinus. 5 Weber.
6 und 7 die Brüder Grimm.





Jacob und Wilhelm Grimm


Johann Christoph Adelung (1732-1806)


Joachim Heinrich Campe (1746-1818)




Originalbelege von
Jacob und Wilhelm Grimm

1 Zitiert nach Alan Kirkness: Geschichte des Deutschen Wörterbuchs. 1838-1863. Dokumente zu den Lexikographen Grimm. Mit einem Beitrag von Ludwig Denecke. Stuttgart 1980. S. 69.
2 Wilhelm Grimm: Bericht über das Deutsche Wörterbuch (1846). In: W. G.: Kleinere Schriften. Hg. von Gustav Hinrichs. Bd. I. Berlin 1881. S. 513.



     Die Arbeit bis 1863